So wie es von Christus heißt, daß er
für jeden einzelnen Menschen starb (um sie zu erlösen), so kann vom Buddha
gesagt werden (und das trifft für jeden Erleuchteten zu), daß seine Erleuchtung
alle Wesen einschloß und bis zum Ende aller Zeiten in allen Wesen zur Wirkung
kommt. Dies muß dem Denken unbegreiflich bleiben, weil es über seine Dimension
hinausgeht, aber aus dem mystischen, d. h. aus Zeit und Raum herausgelösten
Erleben, wie es von den Großen des Geistes aller Zeiten bezeugt wird, können
wir eine Ahnung von der Tiefe dieses Mysteriums in uns wachrufen. Es ist das
Mysterium von der über alle Zeiten und Räume wirkenden Kraft des erleuchteten
Bewußtseins, das sich in der "alle Werke vollbringenden Weisheit"
Amoghasiddhis offenbart und im Symbol des Visvavajra dargestellt ist, dem Doppelvajra,
der die Dimensionen der Zeit und des Raumes zur höheren Wirklichkeit einer
"vierten" Dimension zusammenfaßt. Es ist diese Bewußtseinsdimension,
in der die transzendenten Kräfte der Erleuchteten wirken und in der alle
Bodhisattvas ihr Wesen haben. Und es ist hier, daß Avalokitesvara als Inbegriff
tätiger Bodhisattvaschaft sich in unzähligen Formen verkörpert.
Um jener Kräfte teilhaftig zu werden, bedarf es aber des
eigenen Mitwirkens, der eigenen Anstrengung oder zumindest der eigenen
Bereitschaft. So wie die Blume sich der Sonne öffnet, so müssen wir uns diesen
Kräften öffnen, uns ihrem Bereiche zuwenden, wenn wir an ihnen teilhaben
wollen. Denn ebensowenig wie die Sonne die Macht hat, in eine Blume zu dringen,
sofern diese sich nicht selbst ihr zuwendet und sich willig ihren Strahlen
öffnet, so wenig kann die Erleuchtung eines Buddha auf uns wirken, wenn wir uns
diesem Einfluß verschließen oder unsere Aufmerksamkeit ausschließlich auf die
Befriedigung materieller Bedürfnisse und egozentrischer Wünsche und Begierden
richten. In allen Bereichen des Daseins erscheinen somit die Gestalten der
Erleuchteten: in den tiefsten Höllen sowohl wie in den höchsten Himmelswelten,
im Bereich der Menschen und Tiere sowohl wie in den Bereichen nichtmenschlicher
Wesen.
In fast jedem tibetischen Tempel befindet sich eine
anschauliche Darstellung der sechs Daseinsbereiche der Wandelwelt.
Und entsprechend der Natur dieser Wandelwelt, in der
sich der Kreislauf der Wiedergeburten vollzieht, wird sie dargestellt als
ein Kreis, dessen sechs Segmente die sechs Haupttypen weltlichen, d. h.
unerleuchteten Daseins darstellen. Diese Daseinsformen sind bedingt durch
die Illusion getrennter Selbstheit, den "Ich"-Wahn, (asmimana) der
alles, was zur Befriedigung und Aufrechterhaltung seiner "Ichheit"
dient, begehrt und alles das, was sich ihm oder seinem Begehren entgegensetzt,
verabscheut, als hassenswert, "hässlich", betrachtet.
Diese drei Grundmotive oder Wurzelursachen
(hetu) unerleuchteten Daseins bilden die Nabe des Rades der Wiedergeburten.
Sie werden
daher im Zentrum des Kreises dargestellt und zwar in Form dreier Tiere,
in denen Gier, Hass und der blinde Wahn der Ichsucht
(Egoismus - non-serviam), veranschaulicht werden: Diese Drei sind
die Gründe für die Wiedergeburt! Somit sind das Gegenteil
dieser 3 Wurzelursachen (hetu) unerleuchteten Daseins und die
Befreiung aus dem Kreislauf der Wiedergeburt: Liebe -
Armut - Selbstlosigkeit!
Diese drei Wurzelursachen werden daher im Zentrum des Kreises dargestellt und zwar
in Form dreier Tiere, in denen Gier, Hass und Egoismus (Unwissenheit)
veranschaulicht werden: Ein roter Hahn, als Sinnbild
leidenschaftlichen Verlangens und
Verhaftetseins (raga, Tib.: ,hdodchags); eine grüne Schlange als Verkörperung des lebenvergiftenden Hasses, der Feindschaft und Aversion (dvesa,
Tib.: ze-sdan); und ein schwarzer Eber, der den dunklen, wahnbetörten
Daseinsdrang, den blinden Wahn der
Ichsucht, verkörpert (moha, Tib.: gti-mug).
A. Egoismus (moha)
B. Begierde (raga)
C. Hass (dvesa)
Die drei Tiere sind ineinander verbissen und solcherart angeordnet, daß sie wiederum einen Kreis bilden; denn Gier, Hass und Egoismus bedingen sich gegenseitig und sind unlöslich miteinander verbunden. Sie sind nichts anderes als die extremen, willensbedingten Ausdrucksformen jenes Nichtwissens (avidya, Tib.: ma-rig) um die wahre Natur der Dinge, demzufolge die Wesen Vergängliches als unvergänglich, Unwirkliches als wirklich und begehrenswert betrachten. Im geistig unentwickelten triebbeherrschten Wesen wird dieser Mangel an Erkenntnis zur Verblendung (moha), oder, wie der Tibeter sagt, zur geistigen Verdunkelung, Umnachtung (gti-mug), die es tiefer und tiefer in den Kreislauf des Samsara verstrickt, im Jagen nach vergänglichem Glück, Flucht vor Leidvollem, Furcht vor dem Verlust des Ergriffenen, Kampf um den Besitz des Wünschenswerten oder die Erhaltung des Erworbenen. Der Samsara ist die Welt des ewigen Zwiespaltes, unversöhnlicher Gegensätze, einer aus dem Gleichgewicht geratenen Dualität, in der die Wesen von einem Extrem ins andere fallen.
Zuständen himmlischer Freuden stehen Zustände höllischer Qualen gegenüber, dem Bereiche titanischer Macht und Kampfeslust, der Bereich tierischer Angst und Verfolgungsnot, dem Bereich menschlichen Tatendranges und Schaffensstolzes, der Bereich daseinshungriger Pretas (Tib.: yi-dvags), in denen die unbefriedigten Leidenschaften und unerfüllten Begierden weltverhafteter Wesen ein geisterhaftes, gespenstisches Dasein führen.

Tibetisches Lebensrad
Vorstehende Reproduktion eines tibetischen
"Lebensrades" (Tib.: srid-pahi hkhor-lo,
"der Zyklus weltlicher Daseinszustände") zeigt im obersten Sektor den
Bereich der Götter (deva, Tib.: Iha), deren sorgloses, ästhetischen
Freuden hingegebenes Leben durch Musik und Tanz angedeutet wird. Durch diese
einseitige Hingabe an ästhetischen Genuß vergessen sie die wahre Natur des
Lebens, die Begrenztheit ihres Daseins, die Leiden anderer Wesen, sowie ihre
eigene Vergänglichkeit. Sie wissen nicht, daß sie nur in einem Zustand
zeitweiser Harmonie leben, der ein Ende nimmt, sobald die Ursachen (die
moralischen Verdienste, nach buddhistischer Anschauung), die sie zu diesem
Zustand führten, erschöpft sind. Sie leben sozusagen vom Kapital vergangener
guter Taten, ohne Neues hinzuzufügen. Sie sind mit Schönheit, Langlebigkeit und
Schmerzfreiheit begabt, aber eben diese Schmerzfreiheit, dieser Mangel an
Widerständen, beraubt die Harmonie dieses Daseins aller schöpferischen Impulse,
geistiger Aktivität und des Strebens nach tieferer Erkenntnis und führt
schließlich zu einem Absinken in niedere Daseinszustände. Wiedergeburt in
himmlischen Welten gilt dem Buddhisten daher nicht als erstrebenswert. Es ist
nur ein Aufschub aber keine Lösung des Daseinsproblems. Es führe zur Verstärkung
der Ich-Illusion und zu tieferer Verstrickung in die Wandelwelt.
So sehen wir im untersten Sektor des Daseinsrades die
Kehrseite jener himmlischen Freuden: den Bereich höllischer Qualen (niraya; Tib.: dmyal-ba) - Skalpa. Diese Qualen, die in Form drastischer
Torturen dargestellt werden, sind nicht "Strafen", die von einem
allmächtigen Gott und Schöpfer über die Wesen verhängt werden, sondern die
unvermeidlichen Rückwirkungen ihrer eigenen Taten. Der Totenrichter verdammt
nicht, sondern hält nur den Spiegel empor, den Spiegel des Gewissens, in dem
jedes Wesen sich selbst das Urteil spricht. Dies Urteil, das aus dem Munde des
Totenrichters zu kommen scheint, ist jene innere Stimme, die in der Keimsilbe
"HRIH", die im Zentrum des Spiegels sichtbar ist, zum Ausdruck kommt.
Darum heißt es, daß Yama, der König des Gesetzes (Skt.: Dharma-raja; Tib.:
gsin-rje-chos-rgyal), eine Emanation Amitabhas sei, in Form von Avalokitesvara,
der in seiner Barmherzigkeit in die tiefsten Höllen hinabsteigt und kraft des
Spiegels der Erkenntnis (durch den die Stimme des Gewissens erweckt wird) die
Qualen der Wesen - Dämonen - in ein reinigendes Feuer verwandelt, aus
dem sie geläutert zu besseren Daseinsformen aufsteigen. Um dies zu
veranschaulichen ist Avalokitesvara in seiner Buddhagestalt nochmals neben der
schreckenerregenden Form des Totengottes und Richters, Yama, dargestellt. Aus
seiner Hand aber lodert die läuternde Flamme.
In ähnlicher Weise erscheint Avalokitesvara in allen
anderen Daseinsbereichen, jeweils das Symbol seiner besonderen Sendung, das der
Natur des betreffenden Daseinsbereiches entspricht, in Händen tragend.
Im Bereiche der Devas erscheint er mit der Laute, um
durch die Klänge des Dharma die Götter aus ihrer Selbstzufriedenheit und aus
den Illusionen vergänglicher Freuden zu höherer Wirklichkeit und zu einer
tieferen, zeitlosen Harmonie zu erwecken.
Im Bereiche der Titanen, der
"Gegengötter" oder Asuras (Tib.:
Iha-ma-yin), zur Rechten der Götterwelt aber erscheint er mit dem flammenden
Schwert, denn die Wesen dieses Bereiches verstehen nur die Sprache des Kampfes.
Statt um die Früchte des Wunschbaumes (Kalpataru), der zwischen dem Bereich der
Götter und dem der Titanen steht, zu kämpfen, lehrt der Bodhisattva den edleren
Kampf um die Früchte der Erkenntnis und Wunschbefreiung. Das flammende Schwert
ist das Symbol der die Dunkelheit des Nichtwissens und die Knoten der
Verstrickung durchschneidenden, aktiven "Unterscheidenden
Erkenntnis".
Als Kehrseite der Machttrunkenheit der Titanen, steht
ihnen im linken unteren Sektor, der Bereich der Furcht gegenüber, des
Verfolgtseins und Ausgeliefertseins an ein blindes Schicksal naturgegebener
Notwendigkeiten und unkontrollierbarer Instinkte der Bereich der Tiere.
Hier erscheint Avalokitesvara mit einem Buche in der Hand. Denn den Tieren
gebricht es an der Fähigkeit artikulierter Sprache und reflexiven Denkens, das
sie aus der triebgebundenen Umnachtung ihres Bewußtseins, der Trägheit und
Dumpfheit eines noch unentwickelten Geistes, befreien könnte.
Zur Linken der Götterwelt sehen wir die Welt der Menschen
den Bereich zielbewußten Strebens und Wirkens, in dem die Freiheit der
Entscheidung eine wesentliche Rolle spielt, weil hier die Qualitäten aller
Daseinsbereiche bewußt werden und alle ihre Möglichkeiten gleichermaßen
offenstehen, und darüber hinaus die Möglichkeit endgültiger Befreiung vom
Kreislauf der Geburten durch Erkenntnis der wahren Natur der Welt.
Hier erscheint daher Avalokitesvara als Buddha Sakyamuni
mit Almosenschale und Asketenstab, um denjenigen, "deren Augen mit nur
wenig Staub bedeckt sind", den Weg zur Befreiung zu weisen. Aber nur
Wenige sind bereit, den Weg zur endgültigen Erlösung zu beschreiten. Die
Mehrzahl verstrickt sich in weltlicher Aktivität, im Jagen nach Besitz und
Sinnenfreuden, Macht und Ruhm. Und so steht der Welt menschlichen Tatendranges
und stolzer Selbstbehauptung der Bereich unbefriedigter Begierden und
machtlosen Verlangens gegenüber. Dies ist im rechten unteren Sektor des
Lebensrades dargestellt. Hier zeigt sich die Kehrseite der Leidenschaften im
impotenten Verhaftetsein an die Objekte des Begehrens ohne Möglichkeit der
Befriedigung dieser Leidenschaften. Die Wesen dieses Bereiches, Pretas (Tib.: Yi-dvags) genannt, sind die ruhelosen Geister
unbefriedigter Leidenschaften, bzw. Ieidenschaftsverhafteter Wesen, die in
einer Welt imaginärer Wunschobjekte ein gespensterhaftes, ruheloses Dasein
führen. Sie sind Wesen, die ihr inneres Gleichgewicht verloren haben und deren
einseitig gerichteter Lebenswille eine dementsprechend unvollkommene,
disharmonische Erscheinungsform hervorbringt, die weder die Kraft zu voller
materieller Verkörperung noch zu irgendwelcher Art von
"Vergeistigung" haben. Sie sind jene Wesen oder Bewußtseinskräfte,
die mit den Gläubigen spiritistischer Sitzungen ihr Spiel treiben und die, nach
volkstümlicher Vorstellung an die Stätten ihres früheren Daseins und ihrer
unerfüllten Wünsche verhaftet (und darum der Gegenstand nekromantischer
Beschwörungen) sind. Sie werden dargestellt als gespensterhafte Wesen mit
spindeldürren Gliedern und aufgeschwollenen Leibern, die von unersättlichem
Hunger und Durst geplagt sind, ohne imstande zu sein, genügend Speise und Trank
zu sich zu nehmen. Das Wenige aber, das sie durch die winzige Öffnung ihres
dünnen Halses zu sich nehmen können, bereitet ihnen unsägliche Qualen, denn
Speise ist ihnen unverdaulich und läßt ihre Leiber aufschwellen und Trank
verwandelt sich ihnen in Feuer: ein drastisches Gleichnis für die Natur
all" leidenschaftlichen Begehrens (raga; Tib.: hdod-chags), deren Leiden
durch Nachgeben nicht gestillt, sondern vermehrt werden. In anderen Worten:
Leidenschaften sind das, was Leiden schafft, weil sie ihrer Natur nach
unstillbar sind und jeder Versuch, sie zu befriedigen, zu tieferer Verhaftung
und größeren Qualen führt.
Befreiung von solchen leidenschaftlichen Begehren ist nur
möglich, wenn es gelingt ihre unheilsamen Objekte durch heilsame zu ersetzen
(d. h. kama-chanda, sinnenweltliches Begehren, in dharma-chanda, in Verlangen
nach Wahrheit und Erkenntnis zu verwandeln). Der Buddha, in dessen Form
Avalokitesvara im Reiche der Pretas erscheint, trägt daher ein Behältnis mit
himmlischen Kostbarkeiten (oder himmlischer Speise und himmlischem Trank, die
sich nicht in Feuer und Qual verwandeln), welche die Objekte weltlichen
Begehrens wertlos erscheinen lassen und die Leiden brennenden Verlangens
stillen.
DIE FORMEL DES ABHÄNGIGEN ENTSTEHENS
Während in den "Sechs Bereichen" die Entfaltung
der Welt auf Grund der im Zentrum des Lebensrades symbolisierten Motive
dargestellt wurde, zeigt der äußere Rand des Lebensrades die Entfaltung dieser
Prinzipien im individuellen Leben. Unwissenheit (avidya; Tib.:
ma-rig) ist hier durch ein blindes Weib (denn avidya ist weiblichen
Geschlechtes), das sich mit einem Stock tastend fortbewegt, dargestellt. Auf
Grund seiner geistigen Blindheit irrt der Mensch durchs Leben und macht sich
eine illusorische Vorstellung von sich selbst und der Welt, derzufolge sein
Wollen auf Unwirkliches gerichtet ist und seinen Charakter, diesem Wollen,
Begehren und Vorstellen entsprechend gestaltet.
Diese Gestaltungstätigkeit (samskara; Tib.:
hdu-byed) wird treffend veranschaulicht durch das Bild eines Töpfers. So wie
der Töpfer die Formen der Töpfe gestaltet, so formen wir un
seren Charakter und unser Schicksal, oder richtiger,
unser Karma, durch unsere Taten in Werken, Worten und Gedanken. Samskara ist
hier wollendes Wirken, gleichbedeutend mit cetana] (Wille) und karma (wirkende
Tat) zum Unterschied von Samskara-skandha, der Gruppe geistiger Gestaltungen,
die als Resultat jener Willensakte zu neuem Wirken Anlaß geben und zum aktiven
Prinzip, zum richtunggebenden Charakter eines neuen Bewußtseins werden.
Denn Charakter ist nichts anderes, als die durch
wiederholte Taten gebildete Tendenz unseres Wollens. Jedes Tun hinterläßt eine
Spur, einen durch den Vorgang des Gehens entstandenen Pfad, und wo immer ein
solcher einmal begangener Pfad besteht, dort finden wir, wenn eine ähnliche
Situation eintritt, unseren natürlichen Ausweg, die Richtung, die wir spontan
einschlagen. Dies ist das Gesetz der fortwirkenden Tat, das Karma, das nichts
anderes ist als das Gesetz der Bewegung in der Richtung des geringsten
Widerstandes, d. h. des bereits ein oder mehreremale eingeschlagenen und daher
leichteren Weges: das, was wir im menschlichen Leben die "Kraft der
Gewohnheit" nennen.
So wie der Töpfer aus dem gestaltlosen Lehm Gefäße formt,
so schaffen wir durch Taten, Worte und Gedanken aus dem noch ungeformten
Material unseres Lebens und unserer Sinneseindrücke die Gefäße unseres
künftigen Bewußtseins, nämlich das, was diesem Bewußtsein Form und Richtung
gibt.
Beim Abscheiden aus dem einen und dem Eintreten in ein
anderes Leben ist es das so geformte Bewußtsein, das den Keim des neuen Wesens
bildet. Dies, am Anfang eines neuen Lebens stehende Bewußtsein (vijnana; Tib.: rnam-ses), ist im dritten Bilde dargestellt und zwar
in der Gestalt eines an einem Zweige sich festhaltenden Affen. Denn so wie der
Affe rastlos von Zweig zu Zweig springt, so springt das Bewußtsein von Objekt
zu Objekt.
1) Blindes Weib .Unwissenheit. (avidya)
2) Töpfer .karmische Bildekräfte. (samskara)
3) Affe "Bewußtsein" (vijnana)
4) Zwei Menschen in einem Boot "Geistkörperlich}eit (nama-rupa)
5) Haus mit sechs Fenstern "Sechs Sinne" (sadayatana)
6) Liebespaar "Berührung" (sparsa)
7) Pfeil, der das Auge eines Mannes durchbohrt .Empfindung., .Gefühl.(vedana)
8) Trinker, der von einer Frau bedient wird "Begierde>, "Durst" (trsna)
9) Mann, der Früchte sammelt "Haften" (upadana)
10) Geschlechtsverkehr "Werden. (bhava)
11) Gebärende Frau "Geburt" (jati)
12) Mann, der einen Leichnam auf dem Rücken trägt "Tod" (marana)
Bewußtsein kann aber nicht für sich allein bestehen. Es
hat nicht nur die Eigenschaft unaufhörlich Vorstellungsobjekte zu ergreifen und
das soeben Ergriffene um eines anderen willen zu lassen, sondern es hat auch
die Fähigkeit, sich dauernd zu kristallisieren und sich in materielle Form und
geistige Funktionen zu polarisieren. Daher heißt es, daß Bewußtsein die Quelle
der "Geist-Körperlichkeit. (nama-rupa; Tib.:
min-gzugs) ist, die Vorbedingung des geistigen und körperlichen Organismus, in
dem die enge Beziehung zwischen Körperlichem und Geistigem, zwei im gleichen
Boot fahrenden Menschen verglichen wird. Dies ist im vierten Bilde dargestellt,
in dem wir einen Fährmann sehen, der zwei Leute in einem Boot übersetzt. (Der
Fährmann gehört streng genommen nicht zum Bild.)
Die Geist-Körperlichkeit differenziert sich weiterhin und
wirkt sich aus durch die sechs Sinne: (sadayatana; Tib.:
skye-mched) das Denken, das Sehen, das Hören, das Riechen, das Schmecken und
das Fühlen (Tastsinn).Diese Fähigkeiten sind wie die Fenster eines Hauses,
durch die wir in die Außenwelt blicken. Sie werden darum als ein Haus mit sechs
Fenstern dargestellt. Der Künstler, der das hier wiedergegebene Lebensrad
schuf, nahm sich jedoch die Freiheit, im fünften Bild die Front des Tempels
abzubilden, in dessen Vorhalle sich dieses Fresko befindet.
Im sechsten Bilde wird der Kontakt der Sinne mit ihren
Objekten (sparsa; Tib.: reg-pa) als das erste
Erblicken und die erste gegenseitige Berührung Liebender dargestellt.
Die aus dem Kontakt der Sinne mit ihren Objekten sich
ergebende Empfindung (vedana; Tib.: tshor-ba) wird im
siebenten Bilde als ein Mann dargestellt, der von einem Pfeil ins Auge
getroffen ist.
Das achte Bild zeigt einen Trinker, der von einer Frau
bedient wird. Es symbolisiert den Lebensdurst (trsna; Tib.:
sred-pa), das Begehren, das durch angenehme Empfindungen hervorgerufen wird.
(Der Pfeil im Auge soll nicht die Annehmlichkeit, sondern nur die Stärke der
Empfindung und vielleicht auch ihre schmerzhaften Folgen in der Zukunft
andeuten, die denjenigen, der sich von ihr überwältigen läßt, erwarten.)
Aus dem Lebensdurst entsteht das Ergreifen und Haften
(upadana; Tib.: len-pa) an den begehrten Objekten.
Dies wird im neunten Bilde dargestellt durch einen Mann, der von einem Baum
Früchte pflückt und in eine Kiepe sammelt.
Aus der Verhaftung entsteht neues Werden (bhava; Tib.: srid-pa), was durch die Vereinigung von Mann und Weib
im zehnten Bilde veranschaulicht wird.
Das Werden führt zur Wiedergeburt (jati; Tib.: skye-ba) in einem neuen Leben. Das elfte Bild zeigt
demgemäß ein gebärendes Weib. Der Tibeter, dessen Haltung gegenüber
geschlechtlichen Dingen von entwaffnender Natürlichkeit und Sachlichkeit ist,
scheut sich nicht, die Vorgänge des Zeugens und Gebärens unzweideutig und
unverhüllt darzustellen. Er legt größeren Wert auf Lebensnähe als auf
philosophische Abstraktionen. Dennoch gelingt es ihm in seiner Symbolik (des
Sichtbaren sowohl wie der Worte) Nüancen des geistigen Erlebens mit
erstaunlicher Feinheit und Präzision auszudrücken. Seine Mystik ist nie
lebensfremd, seine Philosophie nicht Ausdruck spekulativen Denkens, sondern
Resultat praktischer Erfahrung. Aus der gleichen Haltung heraus bemüht er sich,
auch dem einfachsten Geist religiöse Ideen zu veranschaulichen und durch Bild
und Wort in den Bereich des konkreten Lebens einzubeziehen. Um allen
Mißdeutungen vorzubeugen, ist jedem der hier beschriebenen Symbolbilder eine
kurze Inschrift beigegeben, wie "Affe: Bewußtsein", "blindes
Weib Nichtwissen. und dergleichen.
Das zwölfte Bild stellt einen Mann dar, der einen Toten
(nach tibetischem Brauch in hockender Stellung in Tücher gewickelt) auf seinem
Rücken zur Leichenstätte trägt und illustriert das letzte der zwölf Glieder der
Formel des "abhängigen Entstehens. (pratstyasamutpdda), das da sagt, daß
alles Geborenwerden zu Alter und Tod (Jara-marana, Tib.:
rgas-si) führt.
Dank solcher bildlicher Darstellungen ist diese Formel,
die zum ältesten Gedankengut des Buddhismus gehört, in Tibet volkstümlicher als
in irgend einem anderen buddhistischen Lande.
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Leseprobe aus dem Buch: "Grundlagen tibetischer
Mystik" von Lama Anagarika Govinda (S. 283 - 295)
SSE - SOLARIS Edition (c)
Der Verlag für Bücher und zahlreiche Artikel mit spirituellen Themen
www.solarisedition.at - office(at)solarisedition.at