Ich bin Geist!

Als Meister eines Tages in Twenty-Nine-Palms seine Bhagavad Gita-Kommentare überarbeitete, ließ er einige Kapitel einer Gruppe von Mönchen vorlesen, die von Mt. Washington gekommen waren. Die Lesung beschrieb den Zustand des Einsseins mit Gott. Meister hatte darin gesagt, der devotee, der diesen Zustand einmal erreicht habe, erkenne, dass allein das Meer des Geistes wirklich ist; Gott nahm die Erscheinung seines kleinen Ego an; dann, nach einer gewissen Zeit, sog er diese Welle wieder in sich auf. Das Traumkind erwacht also in kosmischem Bewusstsein, um sich selbst wieder als Gott zu finden.

Meister erklärte jedoch weiter, dass der Heilige, der dieses erhabene Bewußtsein erreicht hat, niemals von sich sagt: „Ich bin Gott!" Er erkennt nämlich, dass es der weite Ozean war, der zu seiner kleinen Welle des Ego wurde. Die Welle würde, mit anderen Worten, bezogen auf das kleine Selbst niemals behaupten, der Ozean zu sein.

Die Befreiung vom Ego kommt nicht mit dem ersten flüchtigen Erhaschen kosmischen Bewusstseins. Zuerst ist selbst in einem erweiterten Zustand des Gewahrseins die subtile Erinnerung gegenwärtig: „Ich, der formlose, aber nichtsdestoweniger noch reale Hans Schmidt, genieße diesen Zustand des Bewusstseins." Der Körper ist in diesem Trance-Status unbeweglich; jemandes Aufgehen in Gott in diesem Stadium heißt sabikalpa samadhi: qualifizierte Absorption, ein Zustand, der noch der Veränderung unterliegt, weil man aus ihm noch einmal zurückkehrt, um die Beschränkungen des Ego noch einmal anzunehmen. Durch wiederholte Absorption im Zustand der Trance jedoch wird der Zugriff des Ego auf den Geist schrittweise gebrochen, bis allmählich die Erkenntnis einsetzt: „Es gibt keinen Hans Schmidt, zu dem man zurückkehren könnte. Ich bin Geist!" Das ist der höchste Zustand: nirbikalpa samadhi oder unqualifizierte Absorption - ein Status, der ohne Wechsel und ewig ist. Wenn jemand aus diesem Zustand zu seinem Körperbewusstsein zurückkehrt, geschieht dies nicht mehr mit dem Gedanken an eine vom Ozean des Geistes getrennte Existenz. Hans Schmidt existiert nicht mehr: Es ist der ewige Geist, der seinen Körper nun belebt, durch ihn isst, durch ihn lehrt und durch ihn all die üblichen Funktionen eines menschlichen Wesens ausübt. Diese Nach-außen-Lenkung von Energie durch jemanden, der nirbikalpa samadhi erlangt hat, wird zuweilen auch als sahaja oder müheloses samadhi bezeichnet.

Göttliche Freiheit kommt nur durch die Erlangung von nirbikalpa samadhi. In sämtlichen Vorstadien kann das Ego den Geist noch in die Verirrung (Delusion) zurückziehen - und es tut das leider manchmal auch. Mit nirbikalpa samadhi aber wird man zu dem, was als jivan mukta bekannt ist: frei, obwohl man in einer physischen Form lebt. Ein jivan mukta jedoch, so unvorstellbar hoch sein Zustand auch ist, ist noch nicht voll emanzipiert. Die subtile Erinnerung „Ich bin Hans Schmidt" ist jedoch zerstört worden; er kann kein neues karma mehr annehmen, weil das Ego, dem karma untrennbar verbunden, gebrochen ist. Aber selbst jetzt bleibt die Erinnerung an all diese früheren Existenzen: Hans Schmidt in Tausenden, vielleicht Millionen von Inkarnationen; Hans Schmidt, der einstmalige Bandit, Hans Schmidt, der enttäuschte Musiker, Hans Schmidt, der betrogene Liebhaber, der Bettler, der Tyrann. All diese alten Ichs müssen transzendiert, ihr karma muss spiritualisiert, in die Unendlichkeit entlassen werden. „Ganz wenige Heilige auf dieser Erde haben die endgültige Befreiung erlangt", sagte mir Meister.

„Sir, warum kann ein Meister all sein karma nicht in dem Augenblick auflösen, in dem er das Einssein mit Gott erlangt?"

„In diesem Zustand kümmerst du dich nicht wirklich darum, ob du zurückkommst oder nicht", meinte Meister. „Es kommt dir einfach wie ein Traum vor. Du bist wach und beobachtest den Traum nur. Du kannst das Inkarnationen lang machen, oder du kannst sagen: Ich bin frei, und sofort wirst du frei sein. Es liegt alles im Verstand und Gemüt. Sobald du sagst, du seist frei, bist du frei."

Bezüglich des Grades an mentaler Freiheit, der eine Grundvoraussetzung für ein selbst flüchtiges Erhaschen von samadhi ist, sagte er: „Es ist nur der Gedanke, nicht frei zu sein, der uns davon abhält, es wirklich zu sein. Nur diesen Gedanken zu durchbrechen würde genügen, uns in samadhi zu versetzen! Samadhi ist nicht etwas, das wir uns aneignen müssen. Wir haben es bereits!" Und er fügte hinzu: „Verweile immer bei diesem Gedanken: Von Ewigkeit an sind wir mit Gott gewesen. Für eine kurze Zeit - für die fliehenden Atemzüge einiger weniger Inkarnationen - sind wir in der Verirrung. Dann sind wir wieder frei in Ihm, für immer!"

Wenn die Seele die endgültige Befreiung erlangt, wird sie siddha („vervollkommnetes Wesen") oder param mukta („höchst freie Seele") genannt. Selbst in diesem Status geht die Individualität nicht verloren, sondern bleibt in Form der Erinnerung erhalten. Das karma von Hans Schmidts vielen Inkarnationen ist in die Unendlichkeit hin gelöst worden, aber die Erinnerung an all diese Inkarnationen verbleibt in vergeistigter Form als Tatsache über die Ewigkeit hinaus. Wenn die Seele jedoch einmal diesen Zustand höchster Befreiung erreicht, reaktiviert sie nur selten ihre eigene in der Erinnerung vorhandene Individualität. Sie tut es nur auf Geheiß des Göttlichen Willens. Wenn solch eine höchst freie Seele auf diese Welt zurückkehrt, dann geschieht dies nur für das Wohlergehen der Menschheit. Solch eine Inkarnation nennt man avatar oder „Göttliche Inkarnation".

Von solcher Art war Babaji, der erste unserer direkten Linie von gurus, wie uns Meister erklärte. Ebenso Lahiri Mahasaya - yogavatar, wie in Meister bezeichnete, oder „Inkarnation des Yoga" - und Swami Sri Yukteswar, den Meister als Indiens gyanavatar oder „Inkarnation der Weisheit" identifizierte.

„Sir", fragte ich Meister eines Tages, „seid Ihr ein avatar?"

Mit schlichter Einfachheit antwortete er: „Ein Werk von dieser Bedeutung müsste von einem solchen ins Leben gerufen werden."

Ein avatar, sagte er uns, kommt mit einer göttlichen Mission zur Welt, oft für die allgemeine Erhöhung der Menschheit. Im Gegensatz dazu bezieht sich das Bemühen des siddhas notwendigerweise darauf, seine eigenes Bewusstsein in vollkommener Weise mit Gott zu vereinen. Gott wirkt daher durch siddhas nicht auf die gleiche Weise, wie er es durch avatare tut. Den avataren gibt er die Macht, eine große Zahl von Seelen zur Freiheit in Ihm zu führen. Den siddhas verleiht er die Kraft, sich selbst und eine Handvoll anderer zu befreien.

Obwohl jeder große Meister voll dazu qualifiziert ist, mit Jesus zu sagen: „Ich und mein Vater sind eins", steigen viele manchmal von dieser absoluten Ebene herab - wie es Jesus auch tat -, um eine liebende „Ich und Du"-Beziehung mit dem Herrn zu genießen. Die indischen Schriften stellen fest, dass Gott das Universum erschaffen hat, „damit Er sich selbst durch viele genießen kann". Die überwältigende Mehrheit Seiner Kreaturen aber hat leider die bewusste Verbindung mit der unendlichen Freude ihres eigenen Wesens verloren. Allein die Heiligen erfüllen in ihrer fröhlichen Romanze mit dem Herrn diesen tiefen und bleibenden Zweck Seiner Schöpfung, weil sie Ihn Seine Freude durch Ihr Leben äußerlich ausdrücken lassen.

Avatare und andere Meister schreiten in ihrer Jugend oft durch Jahre des sadhana („spirituelle Übung"), um anderen ein Beispiel zu geben. Andernfalls nämlich könnten ihre Jünger vielleicht behaupten, Meditation und Selbstanstrengung seien für die Gott-Erlangung nicht erforderlich, oder vielleicht einfach, solche Praktiken seien nicht ihr „Weg".

„Wenn ihr Gott wollt", pflegte Meister zu sagen, „dann gebt Ihm nach. Es bedarf großer Entschlossenheit und standfesten, tiefen Bemühens. Und vergesst nicht, die Minuten sind wichtiger als die Jahre."
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Aus: "The Path" von Swami Kriyananda, direkter
 Jünger Paramahansa Yoganandas